Verwandlung eines Riesen

Der ausgedehnte Stumpf, den ich vor zwei Wochen an Stelle der einmal riesigen und ausladenden Linde vorgefunden habe, hat bei der erneuten Begegnung heute einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen. Es ist diese eigentümliche Mischung von Unverwüstlichkeit oder ewigem Leben und Verstümmelung. Den meisten Besuchern dort wird die Linde vermutlich garnicht auffallen. Denn der Baumstumpf ist kaum zu erkennen, da er viele junge Triebe ausgebildet hat, die dem Ganzen die Gestalt eines Busches verleihen. Vielleicht hält es so mancher für einen solchen und erkennt nicht die brutale Degradierung es einstigen Riesen. Warum mich das überhaupt so bewegt? Dieser Baum hatte lange Zeit eine dominierende Position im großen Innenhof des Gebäudekomplexes. Es war genau der zentrale und Schatten spendende Zentralbaum, an dem und um den man sich gerne versammelt hat. Ein Musterbeispiel für eine Linde und ihre besondere Gemeinschaftssymbolik. Es ist immerhin ein Trost, dass man sich nicht getraut hat, den Stumpf zu entfernen. Ich vermute, das hat nicht nur Kostengründe. Sicherlich hatte ein Skrupel seine Finger im Spiel.

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