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Lebensbaum und Lebenslauf:
Zur biografischen Bedeutung der Bäume


Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der lichten Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen: in den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit, alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überstandene Angriffe, überdauerte Stürme."
(aus: Hermann Hesse: Bäume)

Bäume sind Lebensbegleiter der Menschen. So wie die Menschen ihren Lebenszyklus zwischen Geburt und Tod durch ein vielgestaltiges Netz von Erfahrungen realisieren, so entwickeln sich die Bäume in ihrem je eigenen wechselvollen Umfeld vom Schössling zum Baumveteranen. Natürlich ist dieses Umfeld ein gänzlich anderes: sie sind an ihrem Platz fest verwurzelt, sind sprachlos, pflanzen sich unreflektiert fort, wachsen lebenslang – und werden in der Regel älter als der Mensch. Und doch setzen Menschen ihren Lebenslauf immer wieder in Beziehung zu Bäumen. Vielleicht aus Ehrfurcht – Bäume können nicht nur ein Menschenleben, sondern ganze Generationen und Jahrhunderte (manche Arten gar Jahrtausende) überdauern. In diesem Fall steht der alte Baum, dem man sein Lebensalter ansieht und der in seinem unverrückbaren Dasein auf für den Betrachter nicht erlebbare Zeithorizonte in Vergangenheit und Zukunft verweist, für den Baum als Lebens-, Hoffnungs- und Weisheitssymbol schlechthin. Für viele Menschen ist gerade das unglaubliche Alter mancher Baumveteranen das Beeindruckendste an Bäumen, was die zahlreichen v. a. Bildband-Publikationen zu diesem Thema und die häufige Abbildung alter und meist mächtiger Baum-Individuen auf Postkarten oder anderen Bildmedien erklärt. Oder die Platzierung symbolträchtiger Literatur- und Film-Szenen am Standort großer alter Bäume. Oder aber die uns allen vertraute Faszination beim Ermitteln des Baumalters durch Zählen der Jahresringe am gefällten Baum, aus dem Experten eine Biografie des betreffenden Baumes zu rekonstruieren vermögen. Eine Biographie, die z. B. von der Abfolge trockener und feuchter Jahre erzählen mag, und von Wachstumsprozessen, die vielfältigen und wechselvollen natürlichen und von Menschen erzeugten künstlichen Umweltbedingungen unterlagen. Der Baum wird darin als Lebewesen mit eigener Geschichte und unverwechselbarer Gestalt erkannt, ein Individuum im wörtlichen Sinne, das in seiner eigensinnigen Ausformung und Entwicklung dem Menschen sehr ähnlich ist.

Nicht nur das Alter, auch und v. a. die Verkörperung des natürlichen Zyklus macht den Baum zu einem hervorragenden Objekt menschlicher Beobachtung und menschlichen Interesses. Mit dem Baum aber beobachtet der Mensch sich selber, oder besser den zeitlichen Ablauf seines Lebens. Und dies in zweifacher Hinsicht. Zum einen spiegelt der Baum – zumindest in den gemäßigten Zonen mit jahreszeitlichen Klimaschwankungen - nicht bloß einmalig, sondern alljährlich aufs Neue, den menschlichen Lebensprozess von Werden, Wachsen, Sich Fortpflanzen und Sterben. Mit der vorhersehbaren Abfolge von Blühen, Wachsen und Grünen, Frucht tragen und Winter-Ruhen grenzen Menschen messbare Zeitphasen Ihres Lebens ab. Ein Jahr für uns Menschen ist ein kompletter, sich immer wiederholender Lebenszyklus der Bäume. Und durch nichts wird dieser Zusammenhang deutlicher als durch die Bäume. Freilich, das Bewusstsein der natürlichen Wurzeln unserer Zeitwahrnehmung schwindet im selben Maße wie die unmittelbare Abhängigkeit des Einzelnen von aus der Welt der Pflanzen, insbesondere der Bäume, gewonnenen Lebensmitteln. Anders als in mancher früheren Kultur, in denen Menschen, wie Gertrud Höhler in ihrem Text über Lebensbäume (a. a. O.) erläutert, teilweise vollständig von einem bestimmten Baum, z. B. der Dattel- oder Kokospalme, abhängig waren, weil er Ihnen Nahrung, Kleidung und Schutz gewährte, ist das Wohl der meisten Menschen moderner Gesellschaften von der genauen Beobachtung und Pflege bestimmter Bäume weitgehend unabhängig. Abgesehen von der inzwischen weit verbreiteten Einsicht in die maßgeblich regulierende Funktion der Wälder, insbesondere der großen Regenwälder, für das Weltklima, werden Bäume somit zunehmend in ihrer symbolischen Dimension wahrgenommen – als Lebensbäume, die menschliches Leben begleiten und in seinem zyklischen Charakter vorstellbar machen. Offenkundig wird dies, wenn jahreszeitliche Phasen v. a. der Bäume zur Beschreibung von Lebensabschnitten benutzt werden. Wenn also z. B. vom Herbst des Lebens gesprochen wird, ein Bild, welches deutlich macht, wie stark immer noch die Anbindung menschlicher Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung an Prozesse der Natur ist, wie sie durch das Leben und Mit-Erleben der Bäume repräsentiert werden.

Weit entfernt sind wir heute von der Bild- und Symbolwelt früherer Jahrhunderte, in denen Bäume häufig als Zeichen für umfassende menschliche und kosmische Zusammenhänge dienten – und auch als solche verstanden wurden. Die Rede ist von zahlreichen Göttersagen, Schöpfungs- und Stammes-Mythen in allen Teilen der Erde, in denen Bäume als wesentliche Erklärungsbestandteile vorkommen. So wird etwa die Geburt des altägyptischen Horus und der griechischen Götter Attis und Adonis auf Bäume zurückgeführt. Und so wird häufig auch die Entstehung des Menschen und ganzer Völker, wie in den altnordischen Heldenliedern der Edda und vielen afrikanischen Stammesmythen, aus Bäumen heraus beschrieben. Hintergrund solcher Entstehungs- und Verwandlungskonstrukte (Bäume werden in Menschen verwandelt oder auch umgekehrt) ist die Vorstellung von der Mütterlichkeit der Bäume, deren Früchte und Hervorbringungen als Söhne der mütterlichen Macht verstanden werden. Der Psychoanalytiker C. G. Jung zählt entsprechend in der Psychologie des Unbewussten den Baum auch zu den Mutter- und Wiedergeburtssymbolen. Dabei spielt nicht nur die bereits angesprochene zyklische Erneuerung des Lebens durch den Baum eine Rolle. Er verweist durch die Art seines Wachstums auch auf andere mütterliche Elemente wie das Wasser und die Erde, aus denen er seine Lebenskraft schöpft. Stärker noch erscheint dieser schöpferische Aspekt als die zweifellos vorhandenen männlichen Elemente (die Luft, in die der Baum ragt, das Feuer, das ihn verzehrt), deren ergänzendes Zusammenspiel den Baum zu einem so starken Symbol macht. Selbst die „toten“ Relikte des Baums, das vielfältig verarbeitete und im Alltag verwendete Baum-Holz, offenbaren seine sorgenden, bewahrenden und beschützenden Eigenschaften. So wurde es zu Häusern und Möbeln, Wiegen und Lagerstätten, Näpfen und Vorratsbehältern verarbeitet. Wenn auch viele der ursprünglich in Baum-Holz gearbeiteten Gegenstände und Konstrukte heute in der Regel durch andere Materialien ersetzt werden, das Holz bleibt der ursprüngliche, dem natürlichen Prozess am nahesten stehende Werkstoff. Gegenüber solchen heute nur noch hintergründig vorhandenen Symbolformen können Bäume auch bewusst zeichenhaft zur Markierung von Anfang und Ende des menschlichen Lebens eingesetzt werden. Der Brauch, bei der Geburt eines Kindes einen Baum, meist in der Nähe des Heims, zu pflanzen, war in manchen Regionen Europas weit verbreitet und wird gelegentlich von natur-nahen Menschen auch heute noch praktiziert. In der Schweiz z. B. war es üblich, zur Geburt eines Sohnes einen Apfelbaum, zur Geburt einer Tochter einen Birnbaum zu pflanzen. Andere mögen sich an zeitgenössischen Konstrukten wie dem sog. „keltischen Baumkreis“ orientieren, wenn es darum geht, für das Kind einen Baum-Lebensbegleiter auszuwählen, dessen Eigenschaften man mit den beobachteten, astrologisch abgeleiteten oder erwünschten Charaktereigenschaften und Lebensperspektiven des neuen Erdenbürgers in Beziehung setzt. Dahinter steht wohl die Vorstellung, dass Mensch und Baum durch den rituellen Akt des Pflanzens eine Art Schicksalsgemeinschaft eingehen, so dass sie sich im Verlauf ihrer beider Leben aneinander orientieren, sich aufeinander stützen und immer wieder freundschaftlich zueinander finden können. Diese Vorstellung des partnerschaftlichen Parallell-Lebens von Baum und Mensch lag auch der Idee zugrunde, beim Antritt einer langen Reise, stellvertretend für den Reisenden einen Baum am Heimatort zu pflanzen, an dessen Gedeihen die Zurückgebliebenen das Schicksal des Reisenden abzulesen wünschten.

Viel deutlicher als den Beginn des Lebens vermag der Baum sein Ende und das, was folgt, eben das Leben nach dem Tode, zu symbolisieren. So wie er die Lebensphasen begreifbar macht, so begleitet er die Menschen auch in den Tod und über diesen hinaus. Hier erst entfaltet er seine ganze symbolische Kraft. Denn im Tod wird ein neuer Zyklus, eine neues Leben begründet. Gerade weil der Baum als Super-Symbol des Lebens, der Mütterlichkeit, der Fruchtbarkeit und des Wachstums gilt, eignet er sich so hervorragend als Zeichen der Hoffnung, der Zuversicht und damit auch des Trostes für die Hinterbliebenen. Deshalb erscheint er als Motiv von Grabsteinen, als Form von Grabkreuzen und vor allem als lebender Baum zur Begrenzung von Friedhöfen und Grabstätten. Die immergrünen Zypressen, die Eiben und der Buchsbaum sind an den Stätten der Toten allgegenwärtig und bestimmen unser Bild solcher Stätten wesentlich mit. Sie stehen für immerwährendes Leben, Ewigkeit, Hoffnung und Transformation, nicht aber für den Tod als Schlusspunkt oder trauriges Ende. Bäume sind damit nicht nur Begleiter des irdischen Lebens, sie vermitteln auch zwischen den Welten der Lebenden und Toten, helfen die irdische Existenz zu transzendieren und verweisen gerade dadurch auf den Ursprung allen Lebens zurück. So verwundert es nicht, dass zeitgenössische Unternehmungen, die es ermöglichen, den Baum zur letzten Ruhestätte zu machen, auf zunehmenden Zuspruch stoßen. Die zunächst in der Schweiz realisierte Idee des „Friedwalds“ hat inzwischen auch in anderen europäischen Ländern Nachahmer gefunden. Die Asche des Verstorbenen wird in das Wurzelsystem eines schon zu Lebzeiten ausgewählten Baumes innerhalb eines abgegrenzten Friedwald-Areals eingebracht. Der weiter wachsende Baum nimmt diese und damit symbolisch den Verstorbenen in sich auf, statt eines künstlichen Grabmals haben Hinterbliebene die Möglichkeit, dem Verstorbenen am Ort, und wenn man so will, in Gestalt eines lebenden Baumes zu begegnen. Gerade weil er für das Weiterleben steht, dann allerdings in einem profaneren Sinne, wird der Baum ja auch zur Darstellung sozialer Abstammung und familiärer Traditionslinien, eben als Stammbaum benutzt. Ein Bild, welches sich schon in biblischer Symbolik, z. B. der „Wurzel Jesse“, dem Stammbaum Christi, findet und sich bis in heutige Zeit als schlüssige Darstellungsform von Beziehungen erweist, die einzelne Lebensläufe überdauern.

Nicht nur bei der Markierung der Jahreszeiten zeigt sich der Baum als treuer Begleiter des Menschen zwischen Geburt und Tod seines irdischen Daseins. Für jeden einzelnen existieren bestimmte Bäume, die im Laufe des Lebens kontinuierlich „auftauchen“ oder aber, die in bestimmten Lebensphasen oder bei bestimmten Ereignissen und Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen. Gemeint sind hier nicht so sehr die rituellen Symbolbäume, wie der Maibaum, der Palmbaum oder der Weihnachtsbaum mit ihren an bestimmte Jahresfeste gebundenen kulturellen Bedeutungen. Es geht vielmehr um ganz persönliche Bäume, die für das Individuum charakteristische Lebensmarken setzen, und an die sich spezifische Erinnerungen knüpfen. Da sind beispielsweise die Bäume der Kindheit, die nicht selten unser späteres Verständnis und unsere Beobachtungsfähigkeit natürlicher Prozesse prägen. Bäume, die im Garten oder im Bereich des kindlichen Spielumfeldes lagen, auf die man geklettert, um die man gelaufen, an denen man sich mit anderen getroffen oder deren Früchte man genossen hat. Bäume aber auch, die man einfach nur beobachtet hat, um mit diesem Beobachten Natur vielleicht erstmalig bewusst zu sehen. Eine meiner frühesten Naturerinnerungen ist das kreisende Fallen der „Propellerflügel“ eines Baumes am Rand des Schulhofes, den ich erst im Erwachsenenalter als Bergahorn identifiziert habe. Bis dahin war das eine Einheit, das schnappschussartige, unhinterfragte und in jedem Fall faszinierende Bild eines Naturphänomens. Immer wieder werden in der Literatur zur Symbolik der Bäume solche ganz persönlichen Szenen und Erlebnisse geschildert, detailgenau und sehr aufschlussreich für den Zugang und das Verhältnis des späteren Autors zu den Bäumen schlechthin. So beschreibt Hermann Hesse in seinem Text „Kastanienbäume“ (a.a.O.), wie stark seine Erinnerung an Orte und Landschaften seiner persönlichen Vergangenheit von dem Vorhandensein bestimmter Bäume oder Baumgruppen abhängig ist. Dass er sich bestimmte Orte ohne die an ihm erlebten und die diesen Ort prägenden Bäume nicht vorstellen kann. Ja, dass eine Stadt oder Landschaft ohne Bäume ihm gar nicht mehr erinnerbar, bildlich nicht mehr fassbar ist. Freilich, Hermann Hesse gehört zu den Schriftstellern, in deren Werk auch inhaltlich die Bäume eine wichtige Rolle spielen, ein Lieblingssujet, dessen Existenz ohne seine enge Beziehung zu bestimmten Bäumen nicht denkbar wäre. Die Abstraktion entspringt eben immer erst der innigen konkreten Erfahrung. Sicher geht es vielen von uns so, nicht nur in Bezug auf die Bäume aus Kindertagen. Baumindividuen können auch beim Spaziergang oder dem Lauf auf vertrauten Wegen, durch den täglichen Blick aus dem Fenster zu Hause und am Arbeitsplatz, oder gar als Horizontbegrenzung während der Autofahrt zu engen Vertrauten und Ansprechpartnern werden. So mancher findet in „seinem“ Lieblings-Baum ein lebendes Naturwesen, das auch dann für ihn da ist, wenn die Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation längst überschritten scheinen. Einen verlässlichen Partner am immer gleichen Ort, der sich dennoch mit ihm verändert, wächst und älter wird. Diese persönlichen Bäume sind die wohl beeindruckendsten und zeitlosesten Zeugnisse einer auch in technisierten Gesellschaften noch ausgeprägten Lebens-Partnerschaft zwischen Menschen und anderen Wesenheiten der Natur. Sie verweist auf gemeinsame, fast vergessene Ursprünge und schöpft ihre Kraft aus der sprachlos-selbstverständlichen Einmaligkeit der je besonderen Beziehung.

© Bernhard Lux